Das Café Achteck am Rüdesheimer Platz
Rosemarie Köhlers Fundstücke
(Berlindabei - Rüdesheimer Platz & Umgebung 4)
Wasserversorgung und Abwasserentsorgung waren im alten Berlin ein viel diskutiertes Problem. Dazu gehörte auch die Frage nach dem täglichen menschlichen Bedürfnis, das oftmals drängend auftritt und dringend gelöst werden will, kurz: „Wohin in der Stadt, wenn man mal muss?“
Wasserversorgung und Abwasserentsorgung waren im alten Berlin ein viel diskutiertes Problem. Dazu gehörte auch die Frage nach dem täglichen menschlichen Bedürfnis, das oftmals drängend auftritt und dringend gelöst werden will, kurz: „Wohin in der Stadt, wenn man mal muss?“
Zwar soll bereits 1737 unter einem kleinen Portal des Berliner Stadtschlosses eine Urintonne für den öffentlichen Gebrauch gestanden haben, die man – sehr praktisch – in der nahen Spree entleerte. Doch mit der Einwohnerzahl der Stadt wuchs die Notwendigkeit einer organisierten Bewältigung der allgemeinen Notdurft.
Überall wurde hingepinkelt
In die Hausecke zu pinkeln, war zwar verboten, aber mangels anderer Lösungen die Regel. Der Nachteil: Bald konnten sich die Berliner nur noch mit zugehaltener Nase durch ihre Stadt bewegen. Es stank an allen Ecken und Enden. Durchaus vernünftige Vorschläge scheiterten an der Bürokratie. Jede bauliche Maßnahmen musste der Magistrat genehmigen, und hier fehlte zudem das Geld. Für öffentliche Probleme aller Art war außerdem eigentlich die Polizeibehörde zuständig. Also schob man das stinkende Problem hin und her.
Eine Bitte an den Polizeipräsidenten
Ab 1848 fungierte Karl Ludwig von Hinckeldey als Generalpolizeidirektor in Berlin, und schnell hatten die flinkzüngigen Berliner einen Spottvers parat:
Ach, lieber Vater Hinckeldey
Mach uns für unsre Pinkeley
Doch bitte einen Winkel frei!
Er hörte den Ruf, starb aber 1856 an den Folgen einer Verletzung, die er bei einem Duell erlitten hatte. Erst 1865 wurden die ersten Anlagen am Askanischen Platz und auf der Fischerbrücke errichtet. Zehn Jahre später gab es bereits 56 Einrichtungen.
Verziert mit Schnörkeln und Rosetten
Daraufhin entwickelte sich ein bemerkenswertes Inter-esse an der künstlerischen Ausstattung der „Örtchen“. Man wollte anderen europäischen Großstädten nicht nachstehen und das „Unvermeidbare“ sollte die Stadt nicht verunzieren, sondern schmücken.
Sogar öffentliche Wettbewerbe wurden veranstaltet, „Konkurrenzen“ genannt, in denen eine erstaunliche Vielfalt teilweise sehr romantischer Lösungen zu sehen war. Berlin war führend in der Eisengießerei-Produktion und -Verarbeitung. Betriebe wie Borsig, Schwarzkopff, Wöhlert und Berliner Eisen arbeiteten vor allem für die Eisenbahn, sie entwickelten außerdem künstlerische Nebenprodukte und nahmen sich ebenfalls der Toilettenhäuschen an. Zum preußischen Stolz gehörte auch das Selbstverständnis, sogar weniger wichtige Bauwerke der Stadt aufwändig und liebevoll für seine Bürger zu gestalten.
Praktisch und robust
Die Wände der Häuschen bestanden aus gusseisernen Platten, die reich mit Ornamenten verziert waren. Die Dächer waren zunächst aus Glas und wurde später mutwilliger Zerstörungen durch Eisengitter ersetzt. Vor dem Eingang stand eine reichverzierte gusseiserne Plattenwand als Sichtschutz. Die kleinen Gebäude waren robust und mit einer raffinierten Steckverbindung leicht zu montieren. Im Volksmund hießen diese grüngestrichenen Bedürfnisanstalten wegen ihrer Form „Café Achteck“.
Und die Frauen?
Stolz zählte man in Berlin im Jahre 1911 bereits 139 dieser Einrichtungen, die allerdings nur für Männer nutzbar waren. Dass Frauen und Mädchen ebenfalls gelegentlich ein dringendes Bedürfnis verspürten, war zwar bekannt, aber aus „Sicherheits- und Schicklichkeitsgründen“ kam eine offizielle Regelung zunächst nicht zustande. Es gab einzelne Anlagen, zum Beispiel in einigen Parks und im Roten Rathaus, die von Privatunternehmen errichtet und von Wärterinnen betreut wurden. Die Toiletten konnten gegen Gebühr benutzt werden.
Neues Bauen, neue „Örtchen“
Das Zeitalter der gusseisernen Pissoirs endete schon um 1900. In die Planungen von Verkehrseinrichtungen wie Bahnhöfen oder öffentlichen Gebäuden wurden nun auch Bedürfnisanstalten einbezogen und häufig im gleichen Baustil errichtet. So gestaltete der Architekt Alfred Grenander im Jahre 1910 den U-Bahnhof Wittenbergplatz nebst Bedürfnisanstalt im gleichen Stil. Viele „Gusseiserne“ blieben aber einfach stehen und wurden weiter benutzt.
Viele dieser Einrichtungen überstanden den Krieg nicht und was unansehnlich oder defekt war, wurde einfach zu Schrott erklärt. Dennoch gab es 1991 in West-Berlin immerhin noch rund zwei Dutzend grüne Häuschen aus dem vergangenen Jahrhundert. Nun, nach der Wiedervereinigung, zeigte das Landesdenkmalamt ebenfalls Interesse an den ehemals anrüchigen Anlagen und stellte einige der am besten erhaltenen Pissoirs unter Denkmalschutz.
Hans Wall macht's möglich
Ab 1995 nahm sich der Berliner Unternehmer Hans Wall, bekannt für zeitgemäße Stadtmöbel, Wartehäuschen und Kioske, der grünen Häuschen an.
Am 18. Mai 2006 konnte am Rüdesheimer Platz gefeiert werden. Zahlreiche Gäste bewunderten die frisch restaurierte Hülle, deren fehlende Teile in aufwändiger Kleinarbeit nachgegossen worden waren. Noch mehr bestaunte man die moderne Innenausstattung: eine Damen- und eine Herrenkabine sowie zwei Urinale mit modernster Ausstattung. Hochempfindliche Sensoren steuern Spülautomatik und Wasserversorgung, Seifenspender und Handtrockner. Für die Sauberkeit der Anlage sorgt das Wall-Serviceteam, das regelmäßig das WC reinigt und wartet.
Die Bewohner des Rheingauviertels freuen sich über diese moderne, hygienische Anlage, die den Platz schmückt und zugleich an eine alte Berliner Tradition erinnert. – Ein Örtchen, das besonders beim Weinfest großen Zuspruch findet. Rosemarie Köhler

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