
Rosemarie Köhlers Fundstücke
(Berlindabei - Rüdesheimer Platz & Umgebung 9)
Er sitzt ganz still, blickt in Richtung Rheinbabenallee und hat selten Besuch. Um den
„wilden Eber“ auf seinem Sockel (130 x 70 x 33 cm) näher zu betrachten, muss man schnell über die Straße springen, denn sein Standort auf dem runden Platz ist umbraust vom Autoverkehr und kein Weg oder Pfad führt zu ihm. Dennoch ist er in Schmargendorf und Dahlem sehr bekannt, rankt sich doch eine aufregende Story um seine Herkunft.
Vom Platz gehen sieben Straßen ab. Wie zu Beginn des 20. Jahr-hunderts vom letzten deutschen Kaiser ausdrücklich gewünscht, sind fünf Straßen ziemlich breit und haben in der Mitte einen Reitweg. Da Reiter in unserer Zeit selten geworden sind, benutzen Jogger diese Wege zum Frühsport.
Warnemünder Straße – benannt nach dem Ostseebad Warnemünde, einem Ortsteil im Norden der Hansestadt Rostock in Mecklenburg-Vorpommern.
Heiligendammer Straße – Heiligendamm ist der älteste Seebadeort Deutschlands, ein Stadtteil von Bad Doberan an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns.
Lentzeallee – Die Straße heißt seit 1912 nach dem Politiker August Lentze (1860–1945). Er gehörte dem preußischen Herrenhaus an und amtierte von 1910 bis 1917 als preußischer Finanzminister.
Podbielskiallee – Podbielski ist der Name eines polnischen Adelsgeschlechts. Seit Eintritt in königlich-preußische Dienste am Ende des 18. Jahrhunderts wird die Familie zum preußischen Adel gezählt. Die Straße ist benannt nach Viktor von Podbielski (1844–1916), Politiker, von 1897 bis 1901 Staatssekretär im Reichspostamt und von 1901 bis 1906 preußischer Landwirtschaftsminister.
Pacelliallee – früher Cecilienallee. Eugenio Pacelli (1876–1958), der spätere Papst Pius XII., war von 1920 bis 1929 als Nuntius des Päpstlichen Stuhls und als Doyen des diplomatischen Corps bei der Reichsregierung in Berlin tätig und wohnte in der Cecilienallee. Die Umbenennung geht auf ein Schreiben des Oberbürgermeisters Ernst Reuter vom 30. März 1949 an Papst Pius XII. zurück, in dem Reuter mitteilt, dass der Magistrat von Groß-Berlin beschlossen habe, eine der repräsentativsten Straßen Berlins, die Cecilienallee, in Pacelliallee umzubenennen.
Pücklerstraße – Sie führt vom Platz am Wilden Eber über die Clayallee zum Goldfinkweg am Grunewalder Forst. Namensgeber ist seit 1905 der populäre Schriftsteller, Reisende, Lebemann und Gartengestalter Hermann Fürst von Pückler-Muskau (1785–1871). Im Jahr 2004 wurde der Fürst-Pückler-Park Bad Muskau in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.
Rheinbabenallee – Der Name Rheinbaben bezieht sich auf ein altes schlesisches Adelsgeschlecht. Im 19. und 20. Jahrhundert brachte es bedeutende Staatsbeamte und Offiziere hervor. Die Straße ist benannt nach Georg Freiherr von Rheinbaben (1855–1921), ab 1899 preußischer Innenminister, zeitweilig auch Finanzminister. Von 1910 bis 1918 amtierte er als Oberpräsident der Rheinprovinz.
Die Gegend um den Platz am Wilder Eber war bis Mitte des 19. Jahrhunderts weitgehend unbebaut und grenzte direkt an den Grunewalder Forst. Als Idylle beschreibt Lou Andreas-Salomé, die Schriftstellerin, Salonière sowie Lebensgefährtin und Muse des Schriftstellers Rainer Maria Rilke, diese Gegend um 1900.
Rainer teilte ganz unsere sehr bescheidene Existenz am Schmargendorfer Waldrande bei Berlin, wo in wenigen Minuten der Wald in die Richtung Paulsborn führte, vorbei an zutraulichen Rehen, die uns in die Manteltaschen schnupperten.(1)
Seit 1989 erinnert eine Gedenktafel am Haus Hundekehlestraße 11 an Rilkes Aufenthalt von 1898 bis 1900 in der „Villa Waldfrieden“. Diese wurde später abgerissen und durch ein Mietshaus ersetzt.
Der Name „Hundekehle“, auch „Hundequele“ genannt, ist die alte Bezeichnung für eine Sammelstelle der Hundemeute bei einer Treibjagd. An alte Zeiten, in denen im Grunewald Hirsche, Rehe und Hasen geschossen wurden, erinnern noch heute das Naturschutzgebiet Hundekehlefenn und die Försterei Hundekehle.
Am Ende des 19. Jahrhunderts entstand – etwa an der westlichen, noch unbebauten Seite der heutigen Warnemünder Straße – ein ausgedehntes Ausflugszentrum.
In der Lokalpresse um 1880 heißt es:
Das vor wenigen Jahren kaum dem Namen nach bekannte Dörfchen ist heute bereits zu einem unentbehrlichen Luftkurort für zahlreiche Residenzbewohner geworden, die hier in der ozonreichen Luft des Grunewaldes Ersatz für den Aufenthalt im Thüringer Wald suchen.(2)
So ruhig und still wie es noch vor einigen Jahren in unserem einst so idyllischen Orte zugegangen, so lebhaft geht es jetzt hier zu. Vier große Tanzlokale sind fast jeden Sonntag überfüllt.3
Bereits 1889 standen in der Warnemünder Straße sechs Vergnügungsstätten nebeneinander. Man befürchtete Schlimmes:
... die Schmargendorfer rüsten sich. Ein so unruhiges Leben wie in diesem Frühjahr hat unser einst so ruhiges Dörfchen noch nie gesehen. An allen Ecken und Enden wird gebaut. Es ist, als wenn in diesem Sommer ganz Berlin hier erwartet werde.(4)
Lokale wurden umgebaut und „im modernem Stil“ hergerichtet. Tische und Stühle bekamen einen neuen Anstrich, Kies bedeckte die Freiflächen, Blumen blühten in Rabatten und abends erstrahlten Petroleum- und Äther-lampen. Schießbuden, Luftschaukeln, Kraftmesser, Würfelbuden und Kinderkarussells lockten Groß und Klein an, alles übertönt von schmetternden Melodien der Militärkapellen.
Nur wenige Jahre hielt dieser Trubel an. Dann sah es so aus:
Die Bäume sind gefällt, Haufen von dürrem Geäst, Schmutz zerfallene Gemäuer, vertrockneter Mörtel gewähren einen Anblick, dass man sich mit Ekel abwendet.(5)
Die Zeit der Vergnügungsstätten war vorbei, es wurden Villen, Land- und Mietshäuser gebaut. Ein „zeitgemäßes“ Angebot entstand nur wenige Kilometer entfernt am Halensee. Hier eröffneten 1904 die „Terrassen am Halensee“, ein Vergnügungspark mit orientalischer Fantasiearchitektur, und später amüsierten sich die Berliner in dem legendären „Lunapark“ am Halensee bei Charleston, Swingmusik und Attraktionen wie Wasserrutschbahn, Teufelsscheibe, Shimmytreppe und Wellenschaukel.
Wie trug sich nun die Geschichte vom wilden Eber an dieser Stelle zu? Die Legende spielt in dem vom Gastwirt Albert Schmidt 1885 errichteten Lokal „Zur Waldschänke“. Man saß friedlich bei Bier und Hackepeter im Garten, als plötzlich ein Keiler auftauchte, der sich im eingezäunten Garten verirrt hatte. Entschlossen nahm Albert seine Jagdbüchse vom Haken und erlegte das Borstentier. Fortan nannte er seinen Gasthof „Zum Wilden Eber“. Dieses Ereignis – von Jahr zu Jahr facettenreicher ausgeschmückt – beschäftigte jahrelang die Lokalredakteure und Ortschronisten. Dazu bemerkte der an der Historie Schmargendorfs interessierte Dr. Heinrich Thiele in einem Leserbrief an den „Tagesspiegel“:
Wenn ich alle Geschichten, die ich je über den „Wilden Eber“ gelesen habe, zusammenfaßte, müßte dieser gleich viermal sein Leben lassen: Er wurde vom Revierförster erwürgt, vom Förster erstochen, vom Gaststättenbesitzer Hermann Schramm erschossen und vom Waldschänken-Wirt noch mal persönlich erschossen. Oder gab es vielleicht doch mehrere wilde Eber?6
Im Jahr 1922 waren alle Vergnügungsstätten verschwunden, neue Straßen und der Platz – etwa in der heutigen Form – wurden angelegt. Und hier errichtete man dann in Erinnerung an das gefährliche Ereignis die erste Skulptur des Ebers. Sie verschwand in den Kriegsjahren und 1961 wurde ein Nachguss mit der Signatur P. Gruson aufgestellt.
Eine ausführliche Biografie und ein Werkverzeichnis des Künstlers fehlen. Den herkömmlichen Nachschlagewerken kann man entnehmen: 1895 in Berlin geboren, sein Todesdatum wird mit „nach 1961“ angegeben, Studium an der Kunstgewerbeschule und der Akademie der Bildenden Künste, Meisterschüler bei Hugo Lederer, danach freischaffender Künstler. Zahlreiche kleinere Werke wie Gedenktafeln, Grabmale, Büsten und Tierdarstellungen nach genauer Naturbeobachtung entstanden. Sein bekanntestes Werk ist die in den 20er Jahren in Schmargendorf aufgestellte Bronze-Figur eines Ebers.
Heute sind in Berlin noch folgende Arbeiten von Gruson zu sehen:
Büste (Bronze) von Walther Schreiber, Bürgermeister seit 1951 und Nachfolger von Ernst Reuter von 1953 bis 1955 als Regierender Bürgermeister, in der Galerie im Berliner Abgeordnetenhaus. Gedenkstein mit einem Porträtrelief für den Fischermeister August Herrmann auf dem Friedhof vor der Kirche in Rahnsdorf. Hermann soll mehrere Personen vor dem Ertrinken im See gerettet haben.
Das auffällige, 1977 errichtete Seniorenheim Lentzeallee 2–4 wird heute von der Wilmersdorfer Seniorenstiftung verwaltet. Die Stiftung entstand 1996 und übernahm die Trägerschaft für drei kommunale Seniorenheime des Bezirks (Koenigsallee im Grunewald, Hohensteiner Straße im Rheingauviertel und Lentzeallee in Schmargendorf). Das Seniorenheim bietet 143 Plätze in den Pflegestufen 1–3. 1996 errichte der Verein „Leben mit Tieren e. V.“ auf dem Gelände des Seniorenzentrums das Tiergehege mit Eseln, Schafen, Ziegen, Hunden, Kaninchen und Meerschweinchen. Die Tiere gehören zum Konzept des Seniorenheims, besonders bei Demenzkranken, denn regelmäßiger Kontakt mit Tieren kann der Vereinsamung älterer Menschen entgegenwirken. Außerdem spazieren öfter Kindergruppen hier vorbei, freuen sich an den Tieren und kommen auch mit den Bewohnern des Heims ins Gespräch. Sehr ungewöhnlich und einen Blick wert ist das Wohnhaus Rheinbabenallee 46–48 (Rheinbabenallee, Ecke Warnemünder Straße). Der Architekt Peter Großmann baute 1923 auf einem spitzwinkligen Grundstück dieses repräsentative und auffällige Wohnhaus. Ein Unikat, dessen Grundriss auf dem Prinzip eines dreistrahligen Sterns beruht. Die zweigeschossigen Wohnungen sind so zusammengestellt, dass die Eingänge jeweils in dem vorgewölbten Mittelstück zwischen zwei Gebäudeflügeln liegen. Der Architekt nannte sein Prinzip „Dreigruppenhaus“.
Tipps für Spaziergänger
Die Gegend um den Platz am Wilden Eber eignet sich gut zum Spazierengehen. Landhäuser und Villen in ungewöhnlichen Formen von 1900 bis heute sind zu betrachten. Viele Häuser haben eine Geschichte, sie boten Prominenten für einige Zeit Aufenthalt und werden heute anders genutzt. Geht man die Pacelliallee in Richtung Dahlem-Dorf entlang, fällt das große Grundstück Nr. 19–21 mit einer landhausartigen Bebauung auf. Hier residierte einige Jahre Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., heute ist das Haus Sitz der Botschaft der Republik Irak – von Polizisten bewacht. Nach Auskunft des Heimatmuseums Zehlendorf wurde das Haus in den 20er Jahren für den Fabrikbesitzer Richard Semmel erbaut, wurde später anders genutzt, ab 1978 war die Spastikerhilfe dort tätig, dann stand es lange Zeit leer.
Noch ein Tipp: Machen Sie einen Spaziergang vom Platz am Wilden Eber die Rheinbabenallee entlang in Richtung Roseneck. Halten Sie an der Hammersteinstraße und biegen Sie nach rechts ab. An der Ecke erwartet Sie eine kleine Überraschung: Noch einer!
1. Zit. nach: Karl-Heinz Metzger, „Wilmersdorf im Spiegel literarischer Texte“. Berlin 1985 • 2. Zit. nach Arbeitskreis Geschichte Wilmersdorf (Hg), „Bruchstücke. Schmargendorf“. Berlin
2. Aufl. 2001 • 3. Ebd. • 4. Ebd. • 5. Ebd. • 6. „Der Tagesspiegel“, 7. November 1993

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