Freitag, 15. Dezember 2017
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Beppo PohlmannIm Tal des Friedens

 

Von Beppo Pohlmann

(Berlindabei - Friedenau & Umgebung 2)

 

 

Als ich zu Beginn der 1980er Jahre an den Südwestkorso zog, hatte ich keine Vorstellung davon, wie es ist, in Friedenau zu wohnen, und vor allem auch nicht, dass ich es allem Anschein nach noch bis kurz vor der Ewigkeit tun würde. Gut, ich hatte in den 1970ern schon mal ein paar Jahre in einer WG (unter anderen mit Jürgen von der Lippe) an der Bun­desallee gewohnt (Federal Alley, Peace Valley). Aber das war eine Zeit, in der alles Mögliche wichtiger war – speziell Wein, Weib und Gesang − als die Gegend, in der man wohnte. 1982/83 hatte ich schon so einiges hinter mir, eine Ehe und einen Hit („Kreuzberger Nächte“) eingeschlossen. Letzterer hatte mir zu einigem Wohlstand verholfen.

 

„Reichtum“ war etwas anderes, wie mir ein Blick in die Auslagen eines Ku'damm-Juweliers schnell gezeigt hatte. Aber das Geld, das ansonsten vermutlich bei einer Bank verschimmelt wäre, reichte dann doch für die Anzahlung einer Altbauwohnung. Dadurch wur­de ich Mitglied einer Eigentümerversammlung und wurde dort mit „Herr Pohlmann“ angesprochen. Da ich mich in mei­nem bisherigen Berliner Dasein zunächst im studentischen Milieu, dann in soge­nannten Künstlerkreisen he­rum­getrieben hatte – bei­des Umfelder, in denen permanent und offensiv geduzt wird −, kam mir das zunächst zwar seltsam vor, war aber nicht direkt unangenehm.

 

So ganz bürgerlich wurde es dann auch nicht sofort, ich lebte weiterhin mit Karin in „wilder Ehe“ und zu Weihnachten musste der Ficus Benjamini als Christbaum herhalten. Zudem haben wir am Heiligabend auch immer meinen Geburtstag gefeiert. Was soll man schon machen, wenn man am 24. Dezember geboren ist ...

 

Beruflich änderte sich einiges. Die Gebrüder Blattschuss, mit denen ich den Aufstieg von der Blödelbardentruppe zu ZDF-Hitparaden-Stars mitgemacht hatte, genauso wie die nicht geglückte Rück­wen­dung zur Kleinkunst, lösten sich auf. Die beiden anderen Kollegen brachten ihr Studium zu Ende, was mir aufgrund meiner miesen Abi-Zensuren nicht vergönnt war. Stattdessen wurde ich Gag-Autor bei RTL, damals eine kleine Radiostation, die aus einer Villa im Stadt­park von Luxemburg sendete. Die Arbeitszeit dort war unge­wöhnlich, von abends elf Uhr bis morgens um neun, sonntags bis freitags, einmal im Monat.

 

In den Wochen zwischen den Einsätzen beobachtete ich, was in Friedenau passierte und das war – richtig! – nichts. Das Wort von der „gepflegten Langeweile“ ist wahrscheinlich hier erfunden wor­den. Das Spannendste war noch, dass hier früher irgendwo Günter Grass seine Grafiken gemacht hatte. Gut, und dann wurden hier die Comedian Harmonists gegründet, aber die hatten auch schon lange keinen Song mehr in den Charts. Später kaufte dann noch Max Raabe seine Brötchen beim selben Bäcker wie ich. Als der (Max Raabe, nicht der Bäcker) dann fest­stellte, dass er hier nicht mal von ’nem Schwein angerufen wurde, zog er konsequenterweise gleich aufs Land.

 

Als RTL beschloss, ein Fernsehsender zu werden, war die Zeit als Gag-Autor vorbei. Aber weil zu der Zeit plötzlich viele private TV-Stationen starteten, brauchten die viel Programm. Aus Amerika wurden reihenweise Serien eingekauft und es entstand ein riesiger Bedarf nach Synchronautoren. Folglich saß ich nun Tag für Tag am Computer und versuchte den deutschen Versionen von sogenannten Sitcoms an derselben Stelle Gags zu verpassen, an der auch die Originale welche hatten. Das war nötig, weil die Bänder mit den Original­lachern verwendet wurden. Ich erlegte mir selbst strenge Bürozeiten auf, mindestens acht  Stunden am Tag, häufig auch am Wochenende. Da meine Frau zu der Zeit als Trödelhändlerin arbeitete, auch an fast je­dem Wochen­ende, gingen wir nun an so gut wie jedem Abend essen.

 

Kaum etwas geht in Friedenau so gut wie Essengehen! (Neulich hat ein Autor bei einer Lesung gesagt: „Eine Stunde nach dem Welt­untergang geht der Friedenauer zum Griechen!“) Karin führte Buch über die Stärken und Schwäc­hen der Restaurants, wo wel­cher Wein schmeckte und so weiter. Restaurant­bewer­tungen, liebe Kinder, musste man in den Zeiten, als es noch kein Inter­net gab, noch selber machen.

 

Der Fall der Mauer brachte erneut Veränderungen. Karin musste ihren Trödel­laden, der dummerweise im Hoch­bahnhof Nollendorfplatz gelegen war, räumen, damit die U-Bahn durch­fahren konnte. Mich hin­gegen ereilte der Ruf, dass der wilde Osten Deutschlands unbedingt die „Kreuzberger Nächte“ live erleben wolle. Also tourte ich mit den wie­derbelebten Gebrüdern Blattschuss in den neunziger Jahren die Ex-DDR rauf und runter, Anstrengungen, die gern  mit einem guten Essen belohnt wurden.


Seit der Jahrtausendwende ist das ruhiger geworden, weniger Geld und weniger Arbeit las­sen auch Zeit und Raum zum Selberkochen. Au­ßer­dem habe ich seit einigen Jahren wieder ein Solo-Comedy-Programm. Eine der schöns­ten Sachen dabei ist, dass ich hin und wieder bei soge­nann­ten Mix-Shows auftrete, also mit mehreren Kol­le­gen, und das häufig an beson­deren Orten. In Her­ne war es ein Frisiersalon, in Bielefeld eine ehe­­malige Kirche, in Mainz ein Banktresor. Berlin bot mir in dieser Hinsicht immerhin einen Coffee-to-go-Shop am Hacke­schen Markt und einen Bikershop in fast Spandau.

 

In Friedenau hingegen bin ich noch nie auf­ge­treten. Ich habe allerdings einen Traum: Wenn ich keinen Bock mehr habe, auf Tournee zu ge­hen, möchte ich zeitweise das Kleine Theater am Südwestkorso bespielen, für mich sehr prak­­tisch, ich würde nach dem Abendessen zum Auftritt rü­bergehen und wäre zu den Tages­­themen wieder zu Hause.

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