Freitag, 15. Dezember 2017

Schmargendorf im Wandel der Zeit – Teil 1

Karin Mühlenberg
(Berlindabei - Schmargendorf, Grunewald, Halense 3)

 

Wie mit offenen Armen emp­fängt Schmargendorf seine Besucher. Die beiden Straßen­seiten entlang des grünen Mittel­streifens mit den niedrigen Bäumen strecken sich den Ankömmlingen grüßend entgegen, wenn sie die leicht abschüssigen Fahrbahnen in die Breite Straße von Schmargendorf hinunter­fahren. Selbst als Einkaufsstraße wirkt die älteste Straße in diesem Ortsteil von Wilmersdorf wie ein helles Tal, das dem Himmel weit­räumig Platz zwischen den Bauten aus unterschiedlichen architek­tonischen Epo­chen gewährt. Noch bis zum Ende des 19. Jahr­hun­derts lebten hier vorrangig Bauern an der ehemaligen Sandstraße im Dorf mit der charakteristischen kleinen Feldstein­kirche. Die große Stadt Berlin war noch weit entfernt. Heutzutage ist die Breite Straße eine Durch­gangsstrecke von Berlins Zentrum nach Dahlem oder Grunewald.

Als in den 90er Jahren des 19. Jahr-hunderts an der heutigen Hunde-kehlestraße mit dem Bau von Villen begonnen wurde, wollte man diesen Straßenzug zur elegantesten Straße des Ortes machen. Das genoss der Dichter Rainer Maria Rilke, der dort eine kleine Weile lebte. Er wohnte von 1898 bis 1900 im Haus Nummer 11, dem damaligen „Haus Waldfrieden“, direkt am Rande des Grune­walds bei der beliebten Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé und deren Ehemann.

 

Schmargendorf galt damals geradezu als Luftkurort. Hier ließ sich Rilke auch zu Briefen an seine Korrespondenzpartner inspirieren. In den Ausführungen an die Worpsweder Malerin Paula Becker, deren Künstlerkollegin Clara Westhoff er später heiratete, beschrieb Rilke die Novemberstimmung des Jahres 1900 so: „Diese großen Kastanienblätter, die wie ausgespannte Hände des Herbstes sind, welche Sonnenstrahlen ergreifen wollen. Aber jetzt, wo die Sonnenstrahlen nicht mehr gehen, sondern Flügel haben, fängt kein Kastanienblatt einen Sonnenstrahl.“ An diesem Ort brachte er vor allem die erste Fassung des später als „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ herausgegebenen Buches zu Papier. Es wurde der erste Band der Insel-Bücherei im Insel Verlag, die 1912 begründet wurde, und überaus erfolgreich außerdem: Die Auflage dieser Ausgabe von 10.000 Exemplaren war sofort vergriffen. Mittlerweile sind in dieser Reihe mehr als 1.500 Bände erschienen.

 

Das Gesicht Schmargendorfs wandelte sich seit seiner Gründung im 13. Jahrhundert, die durch die städtebauliche Entwicklung sowie die Verkehrsanbindungen vorangetrieben wurde. Der Grune ­wald begann damals schon an der Warnemünder Straße. Als könig­liches Jagdgebiet war er allerdings durch Zäune vom Wohn­gebiet abgetrennt. Nur durch zwei Gatter konnte er betreten werden, die sich am Ende der Hundekehlestraße am Roseneck sowie am Ende der Warnemünder Straße am Platz am Wilden Eber befanden. Heute lässt die mit Nadelbäumen bewachsene Straßeninsel noch den ehe­maligen Waldrand erahnen.

 

Erholungssuchende kamen aus der überbevölkerten Stadt seit Eröffnung des Ring­bahnhofs Schmar­gen­dorf, dem heutigen Heidelberger Platz, im Jahr 1883 in wach­sender Anzahl zum Grunewald. Die einen fuhren vom Bahnhof mit der Dampfstraßenbahn dorthin. Sie wurde auch von Kindern benutzt, die aus gesundheitlichen Gründen zur Luft­ver­änderung in den Grunewald geschickt wurden. In nachfolgenden Jahren über­nahmen Pferdebahnen diese Aufgabe. Andere wiede­rum zogen fröhlich singend auf Kremsern an den Wald.

 

Von Berlin aus benötigten sie für diese Strecke drei Stunden. An der Warnemünder Straße und in der Umgebung begannen sich mehr und mehr Ausflugslokale anzusiedeln. Zwischen 1888 und 1900 stieg die Zahl von 4 auf 20 Lokale an. In jenen Jahren beschwerte sich Rainer Maria Rilke sogar über den Lärm aus den Gartenlokalen. Als Erstes wurde das „Gesellschaftshaus“ an der Ecke Warnemünder/Breite Straße 1888 eingeweiht. Nur wenige Häuser weiter befand sich das „Waldschlößchen“. Dort traf sich die Jagd­gesellschaft des Kaisers alljährlich am 3. November zur Huber­tusjagd im Grunewald. In der Hundekehlestraße sammelte sich dafür die Hundemeute zur Treibjagd – die Ursache für den heutigen Stra­ßen­namen. Die ehemalige Bezeichnung „Hundequele“ wandelte sich zur heutigen Schreibweise. Das kaiserliche Ver­gnügen war über­dies für viele einfache Menschen ein besonderes Ereignis, weil im Jagdschloss Grunewald und in den Wirtshäusern hinterher ausgiebig mit Eisbein, Erbsen und Sauerkohl sowie mit Verkleidungen gefeiert wurde. Später kamen das „Forsthaus Schmargendorf“ und der „Waldkater“ hinzu. Mittlerweile sind davon kaum noch Anzeichen zu bemerken. Mit ihnen sind auch drei kleine Kinohäuser verschwunden. Die letzten Relikte eines Kino­saals an der Warne­münder Straße sind im Zuge des Aldi-Neubaus mit dem Abriss der Vorgängerbauten gänzlich vernichtet worden.

 

Rilke wird die beginnenden Bautätigkeiten jener Jahre erlebt haben. Denn viele Schmargendorfer Bauern ver­kauf­ten ihre Ländereien an die „Handelsgesellschaft für Grundbesitz“, die dem aus Danzig stam­menden Bankier Carl Fürstenberg gehörte. Das Rathaus ist ein imposantes Beispiel dafür. Fortsetzung folgt in der  nächsten Ausgabe Berlindabei, Mai 2012.

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