Samstag, 20. Dezember 2014
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Schulleiter Michael RudolphAuf Spurensuche in Friedenau

Von Michael Rudolph

(Berlindabei - Friedenau & Umgebung 5)

 

Wenn wir zu Fuß vom Varziner Platz durch die Isoldestraße zum Perelsplatz spazieren, sehen wir schon von Weitem ein großes Ge­bäu­de mit einem mächtigen, hoch aufragenden Turm. Wir über­queren die Handjerystraße, in der nach dem Zweiten Weltkrieg für mehrere Jahre die Trümmerbahn ihre Loren vom Prager Platz zum Insulaner zog. Nach wenigen Schritten stehen wir vor dem Gebäude des ehemaligen Friedenauer Gymnasiums.

 

Über 100 Jahre steht es nun schon an seinem Platz. Schade, dass sei­ne Steine nicht reden können! Sie könnten uns erzählen, wie der jun­ge, gerade 28 Jahre alte Architekt Erich Blunck zusammen mit seinem Partner Paul Engelmann das Schulgebäude für die damals un­geheure Summe von 435.000 Goldmark in den Jahren 1901− 1902 errichtete.
Sie könnten vom Abschiedskommers einschließlich Festsalaman­der zu Ehren des Direktors und Geheimrats Dr. Wilhelm Busch nach über 25-jähriger Amtsführung berichten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Steine würden vom Reichskanzler Wilhelm Marx erzählen, der 1924 eine Theateraufführung in der Schulaula besuchte, von den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs, denen die Schulturnhalle und die Aula zum Opfer fielen, vom mühsamen Wiederaufbau des Schulgebäudes und vom Einzug der Friedrich-Bergius-Realschule in den Jahren 1958−1959.

 

Bekannte und weniger bekannte Schüler sind im Laufe der Jahrzehnte durch das Schulportal geschritten. Darunter die Politiker Egon Bahr und Peter Lorenz, der Theaterkritiker Friedrich Luft, der Widerstandskämpfer gegen das Hitlerregime Friedrich Justus Perels, aber auch der DDR-Chefpropagandist Karl Eduard von Schnitzler. Allein 397 Schüler sind in den beiden Weltkriegen gefallen. Eine Gedenktafel vor der Aula mahnt die heutigen Schüler, sich für die Erhaltung des Friedens einzusetzen.

Die Glockenschläge der Turmuhr klingen weit über die Friede­nauer Dächer hin und führen uns in die Gegenwart zurück. Vielleicht können uns die Steine des alten Schulhauses ja doch etwas aus ihrem Leben erzählen. Schauen wir doch einmal genauer hin.

 

 

 
Höchstes Gebäudeteil ist der Turm an der Ecke Handjerystraße und Perelsplatz. In seiner Kammer befindet sich das mechanische Uhrwerk mit seinen unzähligen, goldglänzenden Zahnrädern, das seit 1903 zuverlässig die Zeiger der beiden Zifferblätter bewegt und die Glocken zum Leben erweckt. Die Zifferblätter sind mit Blumen­ornamenten aus Sandstein geschmückt und tragen die Inschriften „Begonnen 1901“ und „Beendet 1902“. Unterhalb des Zifferblatts sehen wir das alte Friedenauer Wappen, gearbeitet als großes Sandsteinrelief. Ein Friedensengel mit einem Palmenzweig in der Hand wandelt auf einer blühenden Aue; darüber als Schutz die preußische Königskrone. Dieses Wappen besaß die Gemeinde Friedenau bis zur Eingliederung in Groß-Berlin im Jahr 1920.
Aus der Turmecke ragt der Torso eines lesenden Mönchs hervor. Auf den Buchdeckeln erkennen wir die griechischen Buchstaben Alpha und Omega, die uns an Anfang und Ende unseres irdischen Daseins erin­nern. Darunter erkennen wir eine Sandsteinmaske mit den Zügen Richard Wagners, ein Hinweis auf das seinerzeit erst im Planungs­stadium befindliche Wagnerviertel auf der gegenüber­liegenden Straßenseite.
Ebenfalls in Sandstein gearbeitet finden wir die Worte „Handjery­straße“ und „Maybachplatz“. Während die Handjerystraße, benannt nach einem Landrat des Kreises Teltow, ihren Namen bis heute behalten hat, wurde der „Maybachplatz“ (nach einem preußischen Minister) im Jahr 1960 nach einem ehemaligen Schüler des Friedenauer Gymnasiums in Perelsplatz umbenannt. Eine bronzene Gedenk­tafel rechts neben dem Haupteingang erinnert an seinen mu­tigen Einsatz gegen das Naziregime und an seine Ermordung in den allerletzten Tagen des Zweiten Weltkriegs.

 

Klugerweise bestimmten die Friedenauer Stadtväter für ihr Gymnasium einen Bauplatz mit Bahnanschluss. Der Güter­bahn­hof Wilmersdorf-Friedenau grenzte dicht an das Schulgrund­stück, so­dass die Baumaterialien problemlos angeliefert werden konnten. Für den Sockel in Bossenquaderung wurde rötlicher Granit aus dem Harz herangeschafft. Die gliedernden Fassadenteile an der Gebäude­vorderseite sind aus gelblichem Nesselburger Sandstein aus dem Allgäu gefertigt, auf der Hofseite aus Cottaer Sandstein aus Sachsen. Die Mauersteine kamen aus den Hoffmann’schen Ring­öfen der großen Ziegeleien des Berliner Umlands.

 

Besonders aufwendig gestaltet ist der Haupteingang zum Perels­platz, den ein Portikus, getragen von zwei tos­kani­schen Säulen, ziert. Zahlreiche sorgfältig ausgeführte Bild­hauer­arbeiten ergeben Leit­mo­tive, ja ein ganzes Programm für den künftigen Lebens­­weg der Schüler. Die Säulen wer­den gekrönt durch zwei Skulp­tu­ren arbei­ten­der Schüler − einer liest, der an­de­re denkt nach. Auf Konsolen erken­nen wir die Buchstaben „A-B-C“ oder Zirkel und Dreieck als Sym­bole für das Erlernen der Sprachen und Na­tur­­wis­sen­schaften.

 

 

 

Oberhalb eines gotisierenden Bün­del­pfeilers auf Postament steht der heilige Michael als Drachen­töter. Rechts und links davon deuten ein Hahn vor aufgehender Sonne, ein Hase, ein Helm und ein Pflan­zen­zweig den Lebensweg der Zöglinge an. Die Geburt hat sie in einen Aufgabenkreis gestellt, den sie voller Lebensfreude wahrnehmen sollen. Doch mögen sie in der Härte, die ihnen das Leben abfordern wird, nie die Demut vor Gott vergessen. Besonders bemerkenswert sind mehrere Inschriften, die auch heute noch als Leitbild der täglichen schulischen Arbeit dienen. Die Brüstung eines Altans besteht aus gotischen Buch­staben, die das Zitat „Es fällt kein Meister vom Himmel“ ergeben. Den Türsturz schmückt die Inschrift „Wie die Saat − so die Ernte“. Gusseiserne, mit Blattranken verzierte Rundbögen tragen die lateinischen Inschriften „salus scholae − salus civitatis“ (Das Wohl der Schule ist das Wohl der Bürgerschaft) und „ultra posse nemo obligatur“ (Niemand ist verpflichtet, ihm Unmögliches zu leisten).

 

 

Je länger wir vor dem Schulhaus verweilen, umso mehr Details ent­decken wir. Links vom Eingang zeigen die Bögen von drei Fenstern die Symbole „Schlüssel“, „Glocke“ und „Besen“. Der Kundige er­kennt die Wohnung des Hausmeisters, früher auch Pedell genannt. Nach wie vor ist er eine der wichtigsten Personen jeder Schule. Oberhalb der großen Fenster in der dritten Etage, hinter denen sich die Aula verbirgt, lesen wir „Gymnasium Friedenau“ und „Posteritati“ (Dem Wohle der Nachfolgenden). Nach einem Blick auf die ehemalige Direktorenvilla, die seit 1950 als Kindergarten genutzt wird, und noch ganz benommen von den vielen Eindrücken gehen wir die Handjerystraße Richtung S-Bahnbrücke entlang. Hinter dem alten Schulhaus entsteht ein Erweiterungsbau, der aus Mitteln des Konjunkturprogramms II der Bundesregierung errichtet wird. Es entstehen eine Turnhalle, eine Mensa sowie Freizeiträume. Im nörd­li­chen Vorgarten des alten Schulhauses finden wir als Besonder­heit eine aus Sandstein gearbeitete Stele mit germanisierendem Flechtwerk und Por­trät­medaillons von Bismarck und Luther. Wenn die Sonne günstig steht, können wir von hier aus in Höhe des dritten Stockwerks eine vor­spring­ende Sandsteinstele mit der Inschrift „Ohne Fleiß kein Preis“ erken­nen. Es wirkt doch sehr beruhigend, dass auch nach über 100 Jahren und unzähligen Schul­­reformen das Fundament für schulisches Lernen unver­ändert er­hal­ten geblieben ist. Wer sich auch für das Innere des prachtvollen Schulhauses interessiert, kann es am Tag des offenen Denkmals be­sich­tigen oder einfach unter der Telefonnummer 9 02 77-79 10 einen Be­sich­ti­gungs­termin verein­baren. Bei dieser Gele­gen­heit lohnt auch ein Blick in das neue Schul- und Stadt­teil­mu­seum Friedenau, wel­ches von der Schulgemein­schaft der Friedrich-Bergius-Schule betrieben wird.

Herzlich willkommen!

Michael Rudolph, Schulleiter


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