Mittwoch, 22. Oktober 2014
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Wilma Schön

An einem Freitag Nachmittag im Frühling

 

wilma„Das Leben ist kein Ponyhof“, sagt Susanne gern. Damit meint meine Tochter, dass nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Unabhängig davon, dass diese Erkenntnis für mich keine allzu große Überraschung darstellt, muss ich feststellen: Für mich war ein Ponyhof noch nie ein erstre-benswerter Aufenthaltsort. Was soll ich da? Auf dem Lande fühle ich mich nur im Urlaub wohl, also für einen von vornherein begrenzten Zeitraum, und ich mag keine Pferde – egal, ob sie groß oder klein sind. Das ist vermutlich einer der Gründe, warum ich in der Stadt wohne.

 

Am Friedrich-Wilhelm-Platz bin ich jedenfalls ziemlich sicher vor Pferden. Aber nicht vor meiner Tochter. Seit Susanne studiert und in ihrer WG in Friedrichshain wohnt, ruft sie beinahe täglich an und kommt gern auch mal vorbei, besonders dann, wenn sie einen 50-Euro-Schein oder meinen Wäschetrockner braucht. Oder wenn sie zufällig mal Appetit hat auf eine warme Mahlzeit, die nicht aus Spiralnudeln mit Tomatenketchup besteht.

 

Am letzten Freitag Nachmittag wollte ich mir zum Ausklang der Arbeitswoche ein Sonnenbad auf meinem frisch geputzten und frisch begrünten Balkon gönnen.


Ich hatte mich meinem neuen, roten Liegestuhl auf wenige Zentimeter genähert, da klingelte plötzlich das Handy in meiner Jackentasche. Ich nestelte es heraus und drückte auf das kleine, grüne Telefon für die Rufannahme: „Wilma Schön, hallo!“ – „Hallo, Mutter!“, grüßte Susanne. Sie sagt jetzt nicht mehr „Mutti“ oder „Mama“. Sie ist nämlich jetzt erwachsen.
„Mutter, was machst du gerade?“ – „Ich telefoniere”, sagte ich. Susanne lachte. „Ich meine, was du gemacht hast, bevor ich angerufen habe.“ – „So dies und das“, sagte ich und blickte sehnsüchtig auf den petuniengeschmückten Balkon, wo mein Liegestuhl lockte, auf dem eine schöne, dunkelrote Kuscheldecke lag. „Was gibt's denn?“, meinte ich möglichst beiläufig. Sicherlich brauchte das Kind wieder irgendwas. Ade, Sonnenbad!

 

stuhl „Ich wollte dich fragen, ob du Lust hast auf Kaffee und Kuchen bei dir um die Ecke“, sagte Susanne. Ich erschrak. „Ist was passiert?“, fragte ich. – „Nee, einfach so“, antwortete Susanne.


„Einfach so?“, fragte ich erschüttert. Was war passiert? Warum entwickelte meine Tochter ein derart unerwartetes Interesse an mir? Hatte sie von meiner Lebensversicherung erfahren? Und vor allem: Warum durfte ich nichts für sie tun?


Ein schrecklicher Gedanke durchfuhr mich: Brauchte sie mich etwa nicht mehr?


„Wie ich dich kenne, hast du sowieso heute Nachmittag nichts vor“, fügte sie hinzu. – „Moment mal!“, rief ich. Aber eigentlich hatte sie recht. Ich wollte nur vom Balkon aus in die Frühlingssonne blinzeln. Es war eine Ewigkeit her, dass ich das letzte Mal im Frühling einfach so in einem Café gesessen hatte. Ich erinnerte mich: Mein Mann lebte noch, und der Latte Macchiato war vermutlich noch gar nicht entdeckt.


Wir tranken ganz normalen Filterkaffee – auf der Terrasse nur Kännchen. Es war herrlich. Wir alberten herum und manchmal warfen wir uns verliebte Blicke zu. Ich hatte Käse-Kirschtorte mit Sahne und Wolfgang aß einen Windbeutel mit frischen Erdbeeren. Drüben am Rüdesheimer Platz.


Zwischendurch sahen wir unserer Tochter zu, wie sie fröhlich kichernd mit ihren Freundinnen Gummitwist spielte. Ihre Rattenschwänze hüpften im Takt auf und ab. Das alles war schon ziemlich lange her. Irgendwie musste ich seitdem jeden Frühlingsanfang verpasst haben. Zumindest hatte ich vergessen, wie schön es war, einfach so auf einer Caféterrasse in der Sonne zu sitzen und Kuchen mit Sahne zu essen.


Ein bisschen Ponyhof würde mir ganz gut tun. „Prima Idee“, meinte ich.„Lass uns einfach so mal Kaffee trinken gehen.“

 

Text: Angela Klein
Copyright: Berlindabei
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