Freitag, 15. Dezember 2017
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Wilma - Sensible Pflänzchen
oder Klimawandel im Vereins-Treibhaus

 

(Rüdesheimer Platz - Ausgabe 5, November 2009) 

 

 

Meine Freundin Frieda gründete vor vielen Jahren einen Schrebergartenverein mit und ist natürlich auch glückliche „Besit­ze­rin“ einer kleinen Parzelle. Nach anfäng­lich­em Naserümpfen kam ihr Freundes­kreis immer mehr in den dankbaren Ge­nuss – und auf den Geschmack – eines solchen Fleck­chens Erde, und zwar in Form von ernte­fris­chem Obst und Gemüse. Und mit den Jah­ren verstanden wir auch, wa­rum es ihr so am Herzen lag: Dauerhaftes schaffen mit viel Liebe und Geduld, etwas geben und wiederbekommen; sie steckte viel Engage­ment hinein und schöpfte an­derer­seits viel Kraft daraus.

 

 

Neulich abends rief sie mich aber an, nach­dem sie soeben eine Kleingartenmit­­glie­derversammlung verlassen hatte: „Wilma, die wollen mir den Garten weg­neh­­men! Und mich aus dem Verein schmei­ßen! So falsche Pflanzen!“, empörte sie sich.

 

„Frieda, was zum Kuckuck hast du denn gemacht?! Die Hecke nicht zentimeter­genau gestutzt?“, fragte ich ironisch.

 

Aber nein, stellte sich heraus, es war eine simplere – und daher umso traurigere – angebliche Ordnungswidrigkeit: Sie hatte ohne Erlaubnis ihre Apfelernte (deren Menge sie niemals zu ihren himmlischen Kuchen hätte verbacken können) wie in jedem Jahr aus lauter Menschenliebe in einer Kiste vor ihren Schrebergarten ge­stellt und angeboten: „Zu verschenken“. Unverschämt! Eine Frechheit! Weil näm­lich „Gartenerzeugnisse und deren Abfälle seit 01. April nicht auf den allgemein zugänglichen Wegen zu platzieren sind!“, lautete der strenge Vorwurf des Vereins­vorstandes.

 

Frieda war perplex: Seit Jahren kannte man sich, hatte gemeinsam Genera­tionen von Beeten bepflanzt und be­wun­dert, hatte sich geholfen mit Rat und Tat. Und nun hing ihr Gartenglück an einem Paragraphen, der scheinbar will­kürlich aus dem Ober­gärtner-Hut gezau­bert wurde? Waren da nicht auch Menschen wie sie, die Freude am Gärtnern hatten? Oder nur Hobby-Querulanten? Das konnte doch nicht sein, dass man im Kleingarten­verein derart klein­­mütig war und dort auf ein­mal allzu sensible Pflänzchen anzu­treffen waren!

 

Mimosen!“, schnaubte Frieda noch ins Telefon, und wir glaubten, mit dieser Wort-(statt Äpfel-)Klauberei hätte sich die Ge­schichte erst einmal erledigt.

 

Doch Tage später bestätigte sich die Andro­hung und Willkür, und sie erhielt die sofor­tige Kündigung von Garten und Mit­glied­schaft. Dem Rausschmiss folgte auch noch die plötzliche Ächtung von bisher gu­ten Laubennachbarn, die schein­bar schäf­chen­gleich dem Leit­hammel folgten.
„Schmarotzer-Pflanzen!“, tobte die Freun­din fachmännisch. Den ersten Wogen der Wut folgten aber ab­len­kende, weil umtriebige Wochen, in de­nen Frieda kleingartengesetzestreu die Lau­be ordentlich zu verlassen hatte. Schließ­lich kam der Tag des endgültigen Aus­zugs aus ihrem Idyll, bei dem ich na­türlich moralisch und tatkräftig Unter­stüt­zung leistete. Nach stundenlangem Räu­men war jahrzehntelanges Gartenglück im ge­mie­­teten Pritschenwagen verstaut, und wir versuchten im Finale Grande, das Gartenhäuschen auszukehren, als plötz­­­lich vor Friedas Parzelle rumpelnder Lärm und lautstarkes Fluchen zu hören war.
Wie viele andere eilten auch wir hinaus, um den Grund des Radaus zu sehen – aber vor allem zu riechen. Und das Folgende schenkte mir dann die Be­stätigung einer lange gehegten Vermutung: Das Leben hat eben doch einen Sinn für ausgleichende Gerech­tigkeit und vermutlich auch Gespür für Timing – aber vor allem besitzt es eine große Portion Humor.


Da lag nämlich inmitten des holprigen „allgemein zugänglichen Weges“, ausge­rechnet vor Friedas Laubeneingang, des Vereinsvorstands umgekippte Schubkarre, deren Inhalt wohl eigentlich als Dünger gedacht war, aber jetzt nur noch seine wahre Natur demonstrierte. „Fleißiges Lieschen!“,
kommentierte mei­ne Freun­din Frieda trocken in die betrof­fene Stille hinein das Bild, das sich allen bot:
„Da haben Sie ja einen großen Haufen Mist gemacht!“,
über­ließ den Vorstand samt seinem Dreck vor ihrer Tür sich selbst, und wir verschwanden mit einem Lächeln aus der Kleingärtnerkolonie.

 

 

Text: Angela Klein
Copyright: Berlindabei

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